ANDREAS SIEMONEIT

Über die Möglichkeiten einer hinreißenden sozialen Utopie

Man kann Marktwirtschaft und Kapitalismus deutlich voneinander abgrenzen und Marktwirtschaft als eine noch nicht realisierte soziale Utopie betrachten, darin anderen sozialen Utopien ähnlich, wie Kommunismus oder Solidarische Ökonomie. Die wissenschaftliche Formalisierung dieser sozialen Utopie erfolgt durch die neoklassische Ökonomik, die insofern eine utopische Theorie ist – ein gängiger Vorwurf der Pluralen Ökonomik. Aber anstatt für die Beschreibung des Kapitalismus bessere Theorien als die Neoklassik zu entwickeln, könnte man auch versuchen, politisch auf die Geltung der Neoklassik hinzuarbeiten, denn Marktwirtschaft kann tatsächlich so einfach, robust, effizient und gerecht sein, wie die Neoklassik das behauptet.

Auf diese Weise ließe sich gleichzeitig eine weitere soziale Utopie realisieren, nämlich die des „Schlanken Staats“ des klassischen Liberalismus. Würden die leistungslosen Einkommen (ökonomisch Renten genannt), die heute die Marktwirtschaft zum Kapitalismus machen, erfolgreich verhindert oder abschöpft, dann fallen sehr viele Aufgaben des Staates weg, die heute erforderlich scheinen, um die gröbsten „Marktversagen“ abzumildern. Es gibt jedoch kein Marktversagen, es gibt nur Politikversagen. Im Sinne des Ordoliberalismus richtig verfasste Märkte können nicht versagen, weil die sogenannte Pareto-Effizienz der ökonomischen Theorie systemisch realisiert ist. Viele Marktinterventionen wie Mindestlohn könnten wegfallen, weil die historische Machtasymmetrie von Arbeit und Kapital aufgehoben wird. Vollkommene Märkte, perfekter Wettbewerb und die Neutralität des Geldes würden die dezentrale Organisation einer großen Volkswirtschaft „über den Markt“ tatsächlich möglich machen.