ANDREAS SIEMONEIT

Warum Effizienzkritik?

Marktwirtschaft hat in systemkritischen Kreisen einen schlechten Ruf, ebenso wie Geld und Zins, Gewinnstreben, Wettbewerb etc. Aus einem tiefen Misstrauen heraus gibt es eine Vielzahl von Vorschlägen, wie unser Wirtschaftssystem umzubauen sei, die allesamt sehr kontrovers diskutiert werden – zum Teil seit über 150 Jahren. Ich glaube, dass die meisten dieser Vorschläge eher moralische Notbremsen sind, die nicht wissen, welches zugrundeliegende ökonomische Problem sie eigentlich lösen wollen. Denn wir haben nicht in erster Linie ein moralisches Problem, sondern ein ökonomisches, und ein relativ schlichtes dazu, das allerdings so bisher nicht thematisiert wurde. Marktwirtschaft ist meines Erachtens die beste Wirtschaftsform, die wir haben, Geld eine soziale Errungenschaft ersten Ranges, Zins eine ökonomische Notwendigkeit und Kooperation nicht notwendig besser als Konkurrenz. Marktwirtschaft kann ein sehr menschliches, einfaches und robustes System sozioökonomischer Beziehungen sein. Allerdings haben wir derzeit keine Marktwirtschaft, sondern Kapitalismus …

Was den einen wie Wortklauberei erscheint, war für viele Kritiker des Kapitalismus wie Fernand Braudel, Herman Daly oder Gerhard Scherhorn nie ein Thema: Natürlich sind Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht das Gleiche. Und damit sind wir schon am Kern der Debatte: Was könnte eine echte Marktwirtschaft bedeuten, wenn wir ihre Grundgedanken wirklich ernst nehmen würden? Und warum wäre sie dann die beste aller ökonomischen Welten? Das Ergebnis wird reichlich utopisch klingen, ist meines Erachtens aber konsistent – und insofern würde ich sagen: Eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft scheitert nicht an einem fehlenden ökonomischen Modell.

Was ist Ökonomik?

Man könnte Ökonomik als die Wissenschaft von der Wertschöpfung bezeichnen. Menschen schaffen Dinge und führen Tätigkeiten aus, die nicht selbstverständlich sind, also knapp (nicht zu verwechseln mit Mangel), und die sie und andere für wertvoll halten – aus welchem Grund auch immer, Menschen sind da sehr unterschiedlich gestrickt. Diese Güter werden nicht nur erzeugt, sondern auch weitergegeben, getauscht, verkauft, gehortet, verbraucht etc. Geld spielt dabei nur eine (wichtige) Nebenrolle als „Vermittler“, es bezieht seinen Wert ausschließlich aus der Möglichkeit, Leistungen in Anspruch zu nehmen. Ökonomie dreht sich um Leistungen und nicht etwa um Geld.

Ich werde im folgenden anstelle von Wertschöpfung den Begriff der ökonomischen Leistung verwenden, wohl wissend, dass er die Sache nicht ganz trifft, weil es eigentlich nicht um Leistung (Arbeit pro Zeit) geht, sondern um geschaffene Werte, also Ergebnisse. Aber der Begriff der Leistung wird in ökonomischen und politischen Diskussionen genau in diesem ergebnisorientierten Sinne verwendet, und daran schließe ich mich an.

Die Ökonomik versucht, diesen Leistungskreislauf durch die dabei fließenden Geldströme zu beschreiben, und nimmt dabei an, dass die Preise (im Mittel) eine gute Näherung für die Wertschätzung der Menschen darstellen, denn – so der Grundgedanke – alles Wertvolle ist knapp, und man kann nicht alles gleichzeitig leisten. Somit lenken Angebot und Nachfrage über die Preise die begrenzte Schaffenskraft der Menschen auf die wirklich wertgeschätzten Dinge, und Geld ist das Medium, mit dem über den Wert von Leistungen kommuniziert wird. Dabei ist es gerade das individuelle Gewinnstreben, welches gewissermaßen als nicht-intendierten Nebeneffekt den Wohlstand der Gesellschaft zur Folge habe: Adam Smith’ berühmte „Unsichtbare Hand des Marktes“ besagt nichts weiter, als dass sich individueller Gewinn insbesondere mit solchen Gütern erzielen lässt, die „gefragt“ sind – das sind aber gerade auch diejenigen Güter, die den Wohlstand der Gesellschaft ausmachen. Der privatwirtschaftlichen Marktwirtschaft wird dabei besondere Effizienz unterstellt: Mit geringem Aufwand sorgen die Mechanismen von Angebot und Nachfrage, Geld und Preis, Kapital und Zins für die optimale Verteilung der knappen Ressourcen wie Rohstoffe, Kapital und Arbeitskraft, so dass es keine andere Verteilung gibt, welche die Menschen noch besser stellen würde. Soweit die Theorie.

Die Landkarte der Systemkritik

Die Praxis sieht erfahrungsgemäß anders aus. Soziale Ungerechtigkeit, ökologischer Raubbau, entfremdete Arbeit, Lobbyismus, Korruption und Gier sind nur einige der wahrgenommenen Schattenseiten der Ökonomie, und viele machen gerade das System der Marktwirtschaft mit seinem privaten Eigentum, Konkurrenz und individuellem Gewinnstreben dafür verantwortlich. Systemkritik bedeutet letztlich die Suche nach gesellschaftlichen Institutionen, die das ökonomische Streben der Menschen in gesellschaftlich erwünschte Bahnen lenken. Eine Institution ist eine mit Durchsetzungsmöglichkeiten versehene gesellschaftliche Regelung, der entsprechende wirtschaftswissenschaftliche Zweig nennt sich Institutionenökonomik. Dem stehen gegenüber kulturkritische Ansätze, die von der Annahme einer „falschen“ kulturellen Praxis (Lebensform) ausgehen, der eher mit individueller Erziehung und Bildung als mit gesellschaftlichen Institutionen zu begegnen sei. Tatsächlich stehen beide Positionen in einem dialektischen Verhältnis zueinander.

In der ökonomischen Systemkritik kann man mehrere „große“ Positionen gemäß ihrer Annahme über den „zentralen Webfehler“ des Kapitalismus’ unterscheiden. Aus diesem einen Webfehler resultieren dann gegebenenfalls mehrere Lösungsvorschläge, unterschiedlich in ihrer Radikalität und Marktnähe oder Marktferne. Der größte Teil der Vorschläge ist explizit darauf ausgerichtet, die „normale“ ökonomische Marktlogik auszuhebeln. Verschiedene Positionen schließen dabei einander durchaus nicht aus.

Wer hat nun recht? „Alle ein bisschen“ scheint derzeit ein Grundkonsens zu sein, insbesondere auch im Rahmen der Degrowth-Konferenz (Leipzig September 2014). Betont wird eine Pluralität der Debatte, und die meisten derjenigen, die sich nicht dogmatisch auf eine Position festgelegt haben, gehen von einem multiplen Versagen des Kapitalismus’ aus, dem mit entsprechend vielen Maßnahmen begegnet werden müsse. Die richtige Dosierung dieser Maßnahmen scheint die wesentliche Schwierigkeit guter Politik und die Ursache vieler langanhaltender Querelen zu sein. Dass dabei „die Wirtschaft“ mit Widerstand reagiert und mit Verlusten von Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit droht, wird als natürlicher Besitzstandswahrungsreflex interpretiert, der den ewigen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit nur unterstreiche und den sozialen Fortschritt schon immer verlangsamt habe. Sehr hinderlich seien auch die mentalen Infrastrukturen, ein Wachstumsparadigma in den Köpfen der Menschen, welches den notwendigen Kulturellen Wandel erschwere. Dem müsse man erfolgreiche Formen alternativer Praxis entgegensetzen, und darüber sowie über die Sogwirkung eines gelingendes Guten Lebens könne man die Skeptiker nach und nach überzeugen, eine "Kritische Masse" erreichen und so die Transformation in Gang setzen.

Meines Erachtens gibt es allen Grund, die Systemkritik ihrerseits einer Kritik zu unterziehen, insbesondere diejenigen Positionen, die Eigentum, Geld oder Markt grundsätzlich in Frage stellen, als sei alles falsch gewesen, was sich in den letzten 12.000 Jahren ereignet habe. Ich bin überzeugt, dass Märkte, Geld und Zins, Eigentum, Gewinnstreben, Wettbewerb etc. etwas völlig Natürliches sind in dem Sinne, dass sie unserer über lange Zeiten evolvierten mentalen Struktur entsprechen. Sie beinhalten eine tiefe innere Wahrheit über die Grundlagen unseres sozialen Zusammenlebens, und wir täten gut daran, die mit ihnen verbundenen Errungenschaften nicht über Bord zu werfen. Was zudem, wenn unser Problem gar nicht die Struktur eines Kulturellen Wandels hat, wenn die Dynamik des Wirtschaftswachstums einer ganz anderen Logik folgt und die Kritische Masse nie erreicht werden kann?

Die Alternative

Die Frage, die beantwortet werden muss und bisher nicht beantwortet wurde, lautet: Warum fällt es uns so schwer aufzuhören, obwohl wir alles seit langem wissen? Ich halte die bisher gegebenen Antworten auf diese Frage für unzureichend und möchte hier ein neues Erklärungsmodell vorschlagen. Meine Antwort ist sehr einfach. Sie ist rein ökonomisch, sie kommt völlig ohne ökologische Argumente aus, sie ist von ihren normativen und sonstigen Voraussetzungen her ausgesprochen sparsam und hat dennoch – oder gerade deshalb – ein hohes Erklärungspotential bezüglich vieler Verwerfungen der modernen Ökonomie. Sie ist konsistent mit dem, was wir über das ökonomische Verhalten von Menschen wissen. Allerdings problematisiert sie etwas, was von vielen wiederum als „völlig natürlich“ und sogar „gut“ angesehen wird: Den sogenannten Technischen Fortschritt.

Eine einfache Antwort ist nicht zu verwechseln mit einer monokausalen Begründung. Es geht nicht um einen plumpen Reduktionismus, denn tatsächlich tragen viele Gründe zum derzeitigen Desaster bei. Allerdings sollten diese Gründe meines Erachtens unterschieden werden in Gründe erster und zweiter Ordnung. Oder anders gesagt: Es gibt einen Hauptwiderspruch, und daraus folgen eine ganze Reihe von Nebenwidersprüchen. Die bisherige Debatte hat den Hauptwiderspruch nicht erkannt und statt dessen die Nebenwidersprüche thematisiert.

Um die hier gegebene Antwort zu verstehen, müssen wir vor allem den Konsum genauer betrachten. Meine Wahrnehmung von Konsum ist nicht Fortschrittsbegeisterung und hingebungsvolle Kauflust, sondern eher ein gesellschaftlicher Zwangsmechanismus, ein sogenannter Lock-in, in welchem sich alle Beteiligten gegenseitig unter Druck setzen, an der Wettbewerbsgesellschaft weiter teilzunehmen, gerade auch die Konsumenten. Die Konsumenten befinden sich in einer ganz ähnlichen Wettbewerbssituation wie die Unternehmer, nur dass ihre Zwangslage selten als solche wahrgenommen wird, weil sie zunächst – einem Trojanischen Pferde gleich – in Gestalt einer bequemen Entlastung daherkommt, welche vom modernen Menschen dankbar angenommen wird („mehr Zeit für das Wesentliche“). Erst mit der Zeit verwandelt sie sich in einen Fluch.

Das Trojanische Pferd heißt Effizienz: Produzenten und Konsumenten kaufen beständig (und begeistert) Produkte, die ihre Arbeit und ihr Leben effizienter machen – beim Konsumenten spricht man meistens von Lebensstandard. Er wird immer bequemer oder findet etwas praktisch. Aber wer Auto, Flugzeug, Internet und Mobilfunk nur als Komfortgewinn betrachtet, übersieht einen erheblichen privaten Wettbewerbsvorteil. Der resultierende Fluch heißt Wettbewerbsgesellschaft: Alle werden immer effizienter, und diese höhere Effizienz hat für die Verteilung von Einkommen durchschlagende Folgen, denen sich keiner entziehen kann. An diesem Teufelskreis der Moderne sind meines Erachtens im wesentlichen drei Mechanismen beteiligt.

Erstens: Effizienzkonsum

Produzenten und Konsumenten streben prinzipiell das Gleiche an: Erhöhung ihres Umsatzes, vor allem aber Kostensenkung, und zwar durch Automatisierung, durch Standardisierung und Abnahme großer Mengen, durch Kostendruck auf die Lieferanten, durch Outsourcing. Ein Haushalt automatisiert beispielsweise das Wäschewaschen. Die Standardisierung und Abnahme großer Mengen erfolgen über ALDI, OBI und IKEA, der Kostendruck auf die Lieferanten wird über Schnäppchenjagd, Sonderpreise und Suchmaschinen erzeugt, Outsourcing wird vorgenommen über Tagesmütter, Tiefkühlkost und Transportdienste. Es gibt keinen guten Grund, Produzenten und Konsumenten hier prinzipiell zu unterscheiden.

Als Voraussetzung dafür müssen Konsumenten bestimmte Produkte nutzen, die sie zeitlich entlasten, flexibler machen und Zugangsmöglichkeiten verschaffen: Waschmaschine, Auto, Computer und Smartphone sind die Hardware, welche selbst Zeit sparen oder aber die Nutzung anderer zeit- und kostensparender Angebote erst ermöglichen, wie Supermärkte, facebook, ebay, Paypal, amazon und Online-Banking. Der entscheidende Punkt ist: Die Nutzung dieser Produkte wird zunehmend von außen eingefordert. Sie werden der Standard, den alle erwarten, sie definieren die gesellschaftlichen Schnittstellen. Wer diese Standards und Netzwerke nicht nutzt, gerät in Legitimationsnot, steht abseits – und zahlt zunehmend höhere Preise, denn dieser „Konsumstil“ definiert auch neu, wieviel Zeit und Geld in die Lebenshaltung und die Organisation des Alltags gesteckt werden können, was als machbar, bezahlbar, zumutbar gilt. Jede technische Innovation verändert das Preis- und Einkommensgefüge einer Gesellschaft von Grund auf. Demzufolge steigen die Kosten der Verweigerung rasant, und irgendwann werden „traditionelle“ Produkte, Berufe und Verkaufswege eingestellt oder zur teuren Nische. Dem Wachstumszwang der Wirtschaft entspricht ein Wachstumszwang im Privaten. Wir sind zur Erhöhung unseres Lebensstandards verdammt. All diese Produkte werden zu Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Wer beispielsweise Zeitschriftenartikel über die Mobilität der Zukunft liest, wird bemerken, dass das Smartphone in allen diesen Konzepten eine zentrale Rolle spielt: Für die Verfügbarkeitsprüfung, die Buchung, die spätere Abrechnung. Wer zur Nutzung dieser Produkte nur sagt: „Das muss jeder selbst entscheiden“, der übersieht den erst sozialen und dann auch ökonomischen Druck, der dadurch ausgeübt wird.

Dieser von mir so genannte „Effizienzkonsum“ hat nicht-intendierte Nebeneffekte. Zum einen gibt es eine Rückkopplung auf der Anbieterseite. Erst der moderne Lebensstil hat weitere Spezialisierungen und Innovationen in der Industrie in Reichweite gebracht. Immer kleinere Firmen können immer spezieller qualifizierte Mitarbeiter aus einem weiteren Umkreis als früher anziehen, sie können preiswerte Grundstücke abseits der Siedlungen nutzen, und für eine neue Arbeitsstelle kann man auch mal mit dem ICE in eine andere Stadt pendeln. Das Internet ermöglicht ganz neue Vertriebswege. Industrie und Handel reagieren auf die zunehmende Individualisierung und Technisierung der Gesellschaft mit weiteren Verfeinerungen der Wertschöpfungskette, die ihrerseits wieder bestimmte effizientere Alltagstechnologien erst begünstigen, später einfordern.

Die andere Rückkopplung findet im eigenen Alltag statt. Je effizienter wir werden, desto höher wird der Zeitdruck, weil wir alle Zeitpuffer des Alltags nach und nach abschaffen. Ehemals „unproduktiv“ verbrachte Wartezeiten, Fahrzeiten oder auch langweilige Sitzungen können mittlerweile nahtlos beruflich und privat genutzt werden. Das ist der Beschleunigungszirkel, wie ihn der Zeit-Soziologe Hartmut Rosa beschreibt. Wir leben heute buchstäblich „mehr“ in unserer Lebensspanne. Zwar ist der Zeitgewinn durch Technik nicht zwingend, es gibt durchaus auch einen sogenannten „Zeit-Reboundeffekt“. Aber der Gesamtnutzen scheint überragend zu sein, wie die schnellen Wachstumsraten all dieser Produkte zeigen. Wir versuchen ebenso verzweifelt wie begeistert, mit Hilfe von Technik immer weitere private Produktivitätslücken zu schließen, um ökonomisch und sozial mithalten zu können.

Zweitens: Wettbewerbsvorteile durch Ressourcenverbrauch

Die größten Effizienzsprünge werden durch sogenannte Basis-Innovationen erzeugt: Dampfmaschine, Elektrifizierung, Verbrennungsmotor, Mikroelektronik – um nur einige zu nennen. Der überragende Effizienzgewinn, den diese Technologien ermöglichen, führt sehr schnell zu ihrer Verbreitung. Doch was passiert an dieser Stelle eigentlich ökonomisch, im Sinne der Erbringung einer Marktleistung? Ich hatte zu Beginn von der Ökonomie als Leistungskreislauf gesprochen. Wer genau erbringt denn bei einer Innovation dieses Mehr an ökonomischer Leistung? Die meisten behaupten, dass von genialen Menschen eine Innovationsleistung erbracht und auf dem Markt verkauft wird. Doch tatsächlich steckt etwas Größeres dahinter, und es hat viel weniger mit selbst erbrachter Leistung zu tun, als wir das gemeinhin annehmen.

Der Mensch ist letztlich „nur“ ein Geschöpf unter vielen: Er ist nicht beliebig leistungsfähig. Insofern ist der Ge- und Verbrauch natürlicher Ressourcen der Dreh- und Angelpunkt der Ökonomie schlechthin, weil er dem Menschen ermöglicht, sein eigenes Leistungsspektrum zu erweitern – physisch und mental. Durch jede Form von Brennstoffen, Mechanisierung, Elektronisierung nehmen wir Kräfte zu Hilfe, über die wir sonst nicht verfügen könnten. In einer Leistungsgesellschaft, in welcher der Austausch von Marktleistungen die wichtigste Einkommensquelle überhaupt ist, ist das hochgradig relevant. Man kann das mit dem normativen Begriff „Fortschritt“ belegen, man kann diesen Fortschritt aber auch ganz nüchtern als ökonomische Leistung analysieren, „strikt positiv ökonomisch“ (Karl Homann): Zunächst einmal liegt hier eine exogene Leistungsförderung vor, die einen gegenüber vorher besserstellt. Im Sport nennt man es Doping, dort ist es verpönt.

Mit anderen Worten: In den besonderen Materialeigenschaften eines jeden Stoffes und jeder Stoffkombination liegt ein eigenständiges ökonomisches Leistungspotential, welches wir realisieren können, ohne es im engeren Sinne geschaffen zu haben. Benzin ist ein Wunder an Energiedichte und Einsatzflexibilität. Stahl ist phänomenal in seinen Festigkeits- und Verarbeitungseigenschaften. Aluminium ist korrosionsfest und leicht. Glas wird wegen seiner Transparenz und chemischen Neutralität begehrt. Die Eigenschaften von Kunststoffen lassen sich praktisch am Reißbrett entwerfen. Dotierte Halbleiter verfügen über raffinierte elektronische Fähigkeiten. Durch Materialkombinationen oder aber besonders reine Materialien und das Arrangieren dieser „Potenzen“ im Raum können wir den ökonomischen Wert eines Produktes ins Unermessliche steigern, weil diese materiellen Arrangements eine ökonomische Leistung erbringen können, die in menschlichen Kapazitäten gar nicht mehr darstellbar ist. Dazu gehören riesige Schiffsrümpfe ebenso wie winzige Halbleiter-Chips.

Der Nutzer greift zum leistungsfähigeren Produkt, weil ihm der Produzent damit ein Angebot macht, welches er unter Zeit- und Kostengesichtspunkten gar nicht ablehnen kann. Der Produzent aber kann ihm dieses Angebot nur deshalb machen, weil er zwar die Leistungen seiner menschlichen Arbeiter bezahlen muss, nicht jedoch die Leistungen seines Materials. Der Wettbewerbsvorteil der Produzenten besteht anschaulich darin, dass ihre Produkte in der Lage sind, originär biologische Arbeitsleistung – beispielsweise physische Arbeit und einfache mentale Vorgänge („Rechenschritte“) – auf Maschinen zu verlagern. Deren Arbeitsleistung wird praktisch „kostenlos“ erbracht: Ein Liter Erdöl, ein Halbleiter-Chip, ein Stück Eisenbahnschiene müssen während ihrer Nutzungsdauer nicht entlohnt werden. Es fallen lediglich die Beschaffungskosten an, häufig nur ein Bruchteil dessen, was das Material ökonomisch zu leisten vermag. Dies ermöglicht es den Produzenten, die ökonomische Leistungsfähigkeit von Produkten zu steigern, ohne den Preis auch nur annähernd in gleichem Maße erhöhen zu müssen, und genau das ist jene berühmt-berüchtigte „Wettbewerbsfähigkeit“. Dieser „Marx’sche Mehrwert von Materie“ ermöglicht den Produzenten und in der Folge allen anderen, die an der Handelskette beteiligt sind, die fortwährende Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn es tatsächlich allein die Innovationsleistung genialer Menschen wäre, die den Wettbewerbsvorteil bedingt, ließe sich die strenge Materialabhängigkeit dieser Genialität kaum verstehen. Ein Verbrennungsmotor lässt sich nun mal nicht aus Holz bauen und mit püriertem Grünfutter betreiben, geschweige denn ein Computer. Man benötigt dafür ganz spezifische Materialien mit ihren ganz spezifischen Eigenschaften, damit die damit konstruierten Maschinen diejenige Leistung erbringen können, die sonst Menschen erbringen. Die Innovations- und Entwicklungsleistung spielt dabei eine große Rolle, aber bildlich gesprochen eher die eines Katalysators, der die Energieschwelle einer chemischen Reaktion senkt, ohne die Energiebilanz zu verändern. Es ist nicht die Ingenieurin, die später das Schwungrad in Bewegung hält, sondern der Brennstoff.

Leider hat unser gesellschaftlich akzeptierter Verteilungsmechanismus für Einkommen, nämlich der marktwirtschaftliche Leistungswettbewerb, damit nicht Schritt gehalten. Der größte Teil ökonomischer Leistung wird heute durch die Nutzung und den Verbrauch von Material erbracht, die damit verbundenen Einkommen gehen jedoch an diejenigen Menschen, die (mehr oder weniger zufällig) diese Leistung am Markt zur Verfügung stellen. Wir haben ein systematisches (und zunehmendes) Auseinanderfallen von Leistungserbringung und Leistungszuschreibung. Die menschliche Leistung wird über-, die materiale Leistung unterbewertet (Reiner Kümmel beschreibt dies für den Produktionsfaktor Energie). Diese prinzipielle (und uralte) Diskrepanz zwischen der ökonomischen Wertschöpfung und dem gesellschaftlichen Verteilungsmechanismus „Einkommen durch Arbeit“ bestand im Grunde „schon immer“. Neu ist die massive Schieflage seit dem Beginn der Industriellen Moderne, die mit jeder technischen Basis-Innovation und der Nutzung der fossilen Energierohstoffe sprunghaft zugenommen hat. Wir können mit dem „Schneller, höher, weiter“ nicht aufhören, weil wir nicht aufhören, riesige Mengen von Material neu in den Kreislauf einzuspeisen und in Leistung umzuwandeln, die wir preislich zu einem Bruchteil ihres Wertes am Markt anbieten können. Der Verbrauch ist nicht die Folge unseres Wachstums, sondern seine Ursache.

Arbeitslosigkeit auf der Basis technischen Fortschritts ist so gesehen weder Schicksal noch „natürlich“. Intuitiv ahnten dies verschiedene Generationen von Maschinenstürmern, die durch die Vernichtung der verhassten Automaten versuchten, die Schumpeter’sche „Schöpferische Zerstörung“ aufzuhalten, die sie zu sozialen Verlierern machte. Stets wurde jedoch von der Mehrheit (vorübergehende) Arbeitslosigkeit als „Kollateralschaden“ wirtschaftlicher Entwicklung akzeptiert. In jahrzehntelangen Auseinandersetzungen wurden soziale Fortschritte erkämpft, welche die Machtasymmetrie zwischen Unternehmern und abhängig Beschäftigten nach und nach abmilderten. Letztlich aber wurde in den Industriegesellschaften dieses Dilemma nie gelöst, sondern durch Wirtschaftswachstum lediglich umgangen – eine „Lösung“, die heute an ihre Grenzen stößt.

Es mag merkwürdig erscheinen, das ökonomische Kalkül auf einen so „natürlichen“ Vorgang wie den technischen Fortschritt anzuwenden, aber ich glaube, dass darin ein erhebliches Erkenntnispotential liegt. Auf diese Weise werden beispielsweise die vielfältigen Rebound-Effekte verständlich: Mehr Verbrauch bedeutet häufig per se mehr Marktleistung, weshalb auf den Verbrauch nicht verzichtet wird. Einsparungen sind zwar weiterhin hoch willkommen, aber nur, weil sie ermöglichen, den Verbrauch auf profitablere Bereiche zu verlagern. Ebenso erklären sich die „unendlichen Bedürfnisse“ der Konsumenten: Es gibt sie nicht. Unendlich sind die Bedürfnisse der Anbieter, auf der Suche nach einem Platz im Markt mehr oder weniger sinnvolle Bedarfe zu wecken, um als Anbieter weiterhin an der Verteilungsinstitution Markt teilhaben zu können, und unendlich ist der Druck, immer effizientere Produkte zu konsumieren. Ein großer Teil der Konsumlogik wird auf diese Weise verständlich.

Drittens: Vermögenskonzentration

Die dritte Zutat zur Wachstumsgesellschaft ist Vermögenskonzentration, also große Unternehmen und Konzerne, aber auch große Privatvermögen (die ja nur dann interessant sind, wenn sie wirtschaftlich eingesetzt werden). Durch das Wachstum einzelner erfolgreicher Unternehmen, über Fusionen und Beteiligungen sowie Gewinne aus Kapitalanlagen entstehen im Laufe der Zeit große wirtschaftliche Strukturen, meist als Kapitalgesellschaften organisiert, die unter einer einheitlichen Kontrolle stehen. Nach einer Studie der ETH Zürich von 2011 werden 40 % der internationalen Unternehmen weltweit durch nur 147 Konzerne kontrolliert (Vitali et al. 2011). In der freien Wirtschaft ist unbegrenzte Machtkonzentration nicht nur akzeptiert, sondern Ausdruck wirtschaftlichen Erfolges und höherer Effizienz. Wenn solche Zusammenballungen wirtschaftlicher Macht kritisch gesehen werden, dann in der Regel unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes, den große Unternehmen gerne missachten.

Jedoch sind „Große wirtschaftliche Organisationen“ (GWO) aus einer ganzen Reihe von Gründen ein quasi natürlicher Gegenpol von Demokratie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Dies gilt nicht prinzipiell, sondern ist vielmehr die empirische Realität. Was passiert da, und warum macht die Größe den Unterschied?

Die wichtigsten Kennzeichen von GWO sind der Gewinn an Effizienz und der Verlust an Pluralität. Eine GWO ist innerhalb der Gesellschaft eine entschlossene und gut organisierte Minderheit von Menschen, die ihre Energie auf ein gemeinsames Ziel richten. Dieses gemeinsame Ziel entwickelt eine Eigendynamik und bezieht sein Umfeld mehr und mehr mit ein. Anstatt vom Markt geformt zu werden, formt eine GWO den Markt zunehmend selbst, und aufgrund ihrer höheren Effizienz hat sie dazu auch die Mittel.

Nach außen wirkt eine solche Organisation als ökonomische Monokultur. Regional oder überregional wächst der Druck, diese Organisation und ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Zulieferfirmen werden zunehmend abhängig von diesem Auftraggeber. Im schlimmsten Falle wird das Auslastungs- und Absatzrisiko einer ganzen Industriesparte zu einer „nationalen Aufgabe“, wie im Falle Deutschlands bei der Autoindustrie (Stichwort „Abwrackprämie“). International hat eine GWO viele Möglichkeiten, Staaten gegeneinander auszuspielen. Die Größe der GWO macht ihren Lobbyismus lohnender, ihre höhere Effizienz stellt die Mittel für ihren Lobbyismus bereit, ihre gesellschaftliche Bedeutung macht ihren Lobbyismus hoffähig und Menschen eher bereit, für sie als Lobbyisten zu arbeiten (das Gleiche gilt übrigens für Korruption). Das Interesse einer privatwirtschaftlichen Organisation ist zum gesellschaftlichen Interesse geworden, mit der Bereitschaft, Kosten zu vergesellschaften und Nachhaltigkeitsziele zu ignorieren, da zusätzlicher Ressourcenverbrauch und fehlende Nachhaltigkeit Wettbewerbsvorteile darstellen. Die Gesellschaft hat sich selbst in eine Lock-in-Situation manövriert, indem sie Größe zulasten von Pluralität und Flexibilität zugelassen hat. Der Kapitalismus ist hier nicht mehr flexibel im ursprünglichen Sinne, er hat gesellschaftliche Garantien erhalten.

Innerhalb der Organisation führen Hierarchien, der Bedeutungsverlust des Einzelnen und die hohe Spezialisierung zum Verlust von Verantwortungsgefühl und Sinn. Der Sinn beginnt, sich innerhalb der Organisation zu definieren, also endogen. Es kommt es zu einer einseitigen Wahrnehmung von Fakten – kritische Fakten werden ignoriert und beschönigt, positive überbewertet. Die Organisation wird zunehmend immun gegen Kritik, weil Kritik die Identität von zu vielen Menschen in Frage stellt. Ein Geschäftsmodell wird zu einer Identitätsfrage von Mitarbeitern, Familienangehörigen, Zulieferinnen.

Hinzu kommt noch ein besonderer Effekt, die „automatische“ Konzentration von Reichtum: Ungleichheit in einer Gesellschaft tendiert zur Selbstverstärkung, weil reiche (natürliche oder juristische) Personen mehr und bessere Gelegenheiten für Handel, Investition und Spekulation haben. Die beiden französischen Physiker Jean-Philippe Bouchaud und Marc Mézard haben diese Effekte im Jahr 2000 numerisch simuliert und herausgefunden, dass unter bestimmten Bedingungen Ungleichheit sprunghaft ansteigen und zu einer Konzentration von Vermögen in den Händen weniger führen kann. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat unlängst aufgezeigt, dass der Kapitalismus instabil wurde, wenn die Kapitalrendite über längere Zeit höher war als die Produktivitätssteigerung. „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ ist die dazugehörige Volksweisheit. Mit Marktwirtschaft hat das alles nichts mehr zu tun.

Das gesellschaftliche Dilemma

Wir stehen also vor einem intelligent arrangierten gesellschaftlichen Dilemma. Indem wir zugelassen haben, dass Technologie zunehmend das meritokratische Prinzip unterläuft, ohne jedoch die gesellschaftlichen (Verteilungs­)Konsequenzen daraus zu ziehen, haben wir uns als Gesellschaft mit dem Stichwort „Arbeitsplätze“ erpressbar gemacht. Diese Erpressbarkeit hat unsere „mentalen Infrastrukturen“ (Harald Welzer) so tief durchdrungen, dass wir klaglos akzeptieren, dass Gesellschaft und Politik nahezu beliebig „in den Markt eingreifen“, weil der ja nicht in der Lage sei, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Es wird umverteilt, subventioniert, reguliert, administriert, was das Zeug hält, unter lauten Klagen „der Wirtschaft“. Aber ist wirklich „der Markt“ schuld? Verdient die Marktwirtschaft als solche diese Schuldzuweisung? Und brauchen wir „Lösungen“, die das Marktprinzip aushebeln?

Leistungsprinzip, Eigentum und Macht

Wie also könnte statt dessen eine echte Marktwirtschaft aussehen? Ich halte nach wie vor das Leistungsprinzip „Wer mehr leistet, soll auch mehr Wohlstand haben“ für eine der wichtigsten und besten ökonomischen Intuitionen. Das Leistungsprinzip entspricht nicht nur unserer soziobiologischen (evolutionären) Entwicklung, die immer auf individuelles Wohlergehen ausgerichtet war, sondern ist auch eine der Grundlagen gesellschaftlichen Wohlstandes, denn von der Leistungsfähigkeit begabter und motivierter Menschen können alle profitieren. Leistungsprinzip und Solidarität sind kein Widerspruch, denn häufig ist es ja erst die höhere Leistungsfähigkeit Einzelner, welche die Mittel für solidarisches Handeln bereitstellt. Das Leistungsprinzip kann also ein normativer Ausgangspunkt sein, aber: Wo liegen seine Grenzen, und warum? Kein gesellschaftliches Prinzip lässt sich widerspruchsfrei in die Extreme denken, denn Gesellschaft und gutes Leben lassen sich nicht mit einem einzigen Prinzip begründen.

Das Leistungsprinzip ist vor allem die normative Grundlage von Eigentum. Entsprechende Gedanken findet man bereits bei Aristoteles, später bei John Locke (Arbeitstheorie des Eigentums), Jean-Jacques Rousseau, David Hume, Adam Smith, Karl Marx und anderen. Die Gedanken sind letztlich ähnlich: Eigentum basiert auf Arbeit. Es stellt sicher, dass wer sät, auch ernten kann (Einheit von Aufwand und Ertrag). Eigentum stellt Verantwortung sicher und wirkt der Vernachlässigung entgegen. Allerdings hatten die genannten Autoren durchaus unterschiedliche Vorstellungen über die Grenzen des Eigentums.

Eigentum findet meines Erachtens seine Grenze nach oben dort, wo es nicht mehr auf Leistung beruht, und nach unten, wo die Leistung nicht ausreicht, um ein Leben in Würde zu führen. Ungeachtet seiner Leistungsfähigkeit hat jeder Mensch ein Recht auf Würde, und das bedeutet ein materielles Minimum. Diese Grenze nach unten ist heute durch soziale Institutionen sichergestellt (über deren Angemessenheit man streiten kann, Stichwort „Hartz IV“, aber ich glaube, dass dieser Streit an Schärfe verlieren wird, sobald die gesellschaftliche Erpressbarkeit mit Arbeitsplätzen überwunden wird und sobald die illegitime Umverteilung durch überhöhte Mieten und Immobilienpreise ein Ende hat). Eine Grenze nach oben ist heute nicht gegeben, und das ist sicherlich das schwerste Versäumnis des Kapitalismus’. Es gibt geradezu unendlich viele Gründe, Eigentum der Höhe und der Art nach absolut zu begrenzen.

Zum einen gibt es allen voran zwei Gütergruppen, deren Wert überwiegend nicht auf individueller (privater) Leistung beruht: Natürliche Rohstoffe sowie Grund und Boden. Der ökonomische Wert von Rohstoffen wird durch ihre materialen Eigenschaften bestimmt, und die hat der Urknall oder der liebe Gott oder was auch immer geschaffen, jedenfalls sicherlich nicht Menschen. Zwar macht erst menschliche Arbeit diesen Wert durch Bergbau, Veredelung und Technologie nutzbar, aber das begründet in keiner Weise ein schrankenloses privates (oder auch nur nationales) Eigentum. Bei Grund und Boden sind es die Fruchtbarkeitseigenschaften des Bodens, die seinen landwirtschaftlichen Wert bestimmen, sowie die Nähe anderer Menschen, die seinen Wert als „Lage“ erzeugen. Die Lage einer Immobilie ist ein gesellschaftlich erzeugter Wert, der uns auf private Rechnung verkauft wird – marktwirtschaftlich gesehen ein völlig unhaltbarer Zustand. Das Vorhandensein von Angebot und Nachfrage allein erzeugt noch keinen Markt im Sinne des Leistungswettbewerbs. Insofern stellen Regulierungen im Bereich von Rohstoffen und Immobilien nicht „Eingriffe in den Markt“ dar, sondern sind die Voraussetzung dafür, dass überhaupt so etwas wie ein (leistungsorientiertes) Marktgeschehen stattfinden kann.

Zum anderen haben wir oben gesehen, wie unbegrenztes Eigentum eine gesellschaftliche Machtposition definiert, die Markt und Wettbewerb aushebelt. Unbegrenzte und unlegitimierte Macht ist in einer Demokratie, deren wesentliches Prinzip Machtbegrenzung ist, nicht akzeptabel. Bereits der Ordoliberale Walter Eucken, leidenschaftlicher Marktwirtschaftler und gleichzeitig scharfer Konzernkritiker, formulierte: „Nicht gegen die Mißbräuche vorhandener Machtkörper sollte sich die Wirtschaftspolitik wenden, sondern gegen die Entstehung der Machtkörper überhaupt. Sonst besitzt sie keine Chance, mit dem Problem fertig zu werden.“ (Eucken 1950) Die Begründung ist letztlich einfach: Macht macht unvernünftig. Sie verzerrt die Wahrnehmung zugunsten der eigenen Position und führt zu einem Verlust an Empathie (Robert Trivers). Sie bildet konzentrische Kreise von größeren und kleineren Nutznießern aus, welche die Macht stützen und dafür mit Vorteilen belohnt werden – weit jenseits persönlicher Leistung („Untermieter der Macht“, Heinrich Popitz). Der Finanzexperte der Grünen, Gerhard Schick, hat in seinem jüngsten Buch beschrieben, wie stark große Konzerne international verflochten sind und im Verbund mit einer willfährigen Politik Markt und Wettbewerb zu ihren Gunsten aushebeln. Macht ist das pure Gift für einen Leistungswettbewerb. Wir versuchen derzeit, eine politische Demokratie mit einem wirtschaftlichen Feudalsystem zu kombinieren. Welches System dabei die Oberhand gewinnt, ist offensichtlich.

Demokratie und Marktwirtschaft

Demokratie und Marktwirtschaft sind eigentlich das Gleiche. Es sind die beiden Seiten der Medaille „Leben in Gemeinschaft”. Die eine Seite betrifft die öffentlichen Güter, die andere das Privateigentum. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass sich beide Konzepte als Teil des gleichen Bemühens sehen: Ein gutes Leben für den Einzelnen und die Gemeinschaft, von welcher der Einzelne ein Teil ist. Zu einem guten Leben gehören Güter, individuelle (mit Geld bewertbare) Güter und öffentliche Güter. Der Markt ist für die Bereitstellung der individuellen Güter zuständig, der Staat – also die Gemeinschaft – für die Bereitstellung der öffentlichen Güter. Das Konzept der politischen Demokratie (Wahl von Repräsentanten) kennen wir ja nun schon ein bisschen länger. Es gibt derzeit kein besseres Verfahren, im Bereich der öffentlichen Güter die gerechte Beteiligung des Einzelnen am Entscheidungsprozess sicherzustellen. Aber Marktwirtschaft (Leistungstausch) ist im Kern auch ein demokratisches Konzept: Es gibt derzeit kein besseres Verfahren, im Bereich der individuellen Güter die gerechte Beteiligung des Einzelnen am Entscheidungsprozess sicherzustellen. Da individuelle Güter niemanden benachteiligen, gibt es keinerlei Recht, den Beteiligten da reinzureden. Zwei Handelspartner finden sich und verhandeln über den Preis, jemand erkennt eine Marktlücke und investiert in eine Produktion usw. Der ordnungspolitische Rahmen wird lediglich über diejenigen Qualitäten der Güter gelegt, welche die Gemeinschaft betreffen, wie Rohstoffe, Müll etc. Man kann es auch noch kürzer formulieren: Marktwirtschaft ist die Demokratie der Warenwelt.

Der entscheidende Punkt ist: Während in der Marktwirtschaft keine anderen Organe als die Beteiligten benötigt werden, da sie für sich sprechen und handeln können, müssen wir in der Demokratie dem Staat, also „der juristischen Person Gemeinschaft“, Organe geben, um Handlungsfähigkeit zu erreichen. So kommen wir beispielsweise zur repräsentativen Demokratie mit ihren Institutionen. Wichtige Prinzipien dabei sind Machtbegrenzung und Begrenzung der Versuchung, das führt zu den Regeln der Verfassung mit einer Gewaltenteilung als System von „Checks and Balances“. Wir teilen die Macht des Staates in verschiedene Bereiche auf, nämlich Legislative, Exekutive und Judikative, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Repräsentanten Menschen sind. Menschen sind fehlbar, sie neigen zur Unvernunft und zum Interessenkonflikt. Die Gewaltenteilung ist der Versuch, es den menschlichen Repräsentanten zu erleichtern, die Konflikte zwischen Amt und persönlichen Interessen zu überwinden, insbesondere die Versuchung „absolute Macht“ auszuschalten. Wir versuchen, den Repräsentanten die Vernunft zu ermöglichen.

Im Individuum fallen alle „Repräsentanten“ in ein und derselben Person zusammen: Es gibt keine Repräsentanten, weil außer den Individuen niemand weiter betroffen scheint. Diese können sich selbst vertreten, und eine unabhängige Gewaltenteilung in Moral, Handeln und Gewissen ist nicht im Ansatz vorhanden. Das bedeutet: Der Mensch ist im Markt sich selbst und seiner Vernunft oder Unvernunft ausgeliefert. Er kann in der Warenwelt die absolute Macht erringen. Aber Geld ist keine reine Privatangelegenheit: Geld ist Leistungserwartung an die Gemeinschaft. Zudem ist es mit der Leistungsgrundlage der meisten Vermögen nicht weit her – exzessiver Rohstoffverbrauch sowie Immobilienbesitz schimmern von unten durch.

Beim Individuum ist die Gewaltenteilung ganz offensichtlich nicht möglich, aber glücklicherweise auch nicht nötig, denn es gibt für die Macht ein Maß. Vermögen lässt sich objektiv bemessen. Wir müssen daher das mit Geld bewertbare Vermögen absolut begrenzen als Begrenzung der Leistungserwartung gegenüber der Gemeinschaft. Es gibt keinen Grund für die Unbegrenztheit dieser Leistungserwartung, bei allem Verdienst des Einzelnen. Es ist zu gefährlich, das erleben wir gerade. Es führt uns in die Diktatur des Mammons, so wie der autoritäre Staat in die Diktatur des Einzelnen führt. Absolute Begrenzung bedeutet: Es gibt eine Obergrenze für privates Vermögen, die zu überschreiten niemand das Recht hat. Es gibt eine Kappung. Die Höhe dieser Obergrenze ist Teil des demokratischen Entscheidungsprozesses.

Fazit

Damit haben wir die wichtigsten Bedingungen für eine leistungsorientierte Marktwirtschaft in einer freiheitlichen Gesellschaft: Gesellschaftliche Obergrenzen für Ressourcenverbrauch und Vermögenskonzentration sowie die Begrenzung von Gewinnen aus Immobilien. Über diese begrenzenden Institutionen könnten Individuum und Gesellschaft wieder in eine „mentale Balance“ gebracht und nachhaltiges Handeln, aber auch Solidarität jenseits des Marktes ermöglicht werden. Es ist das Modell der Gleichgewichtsökonomie nach dem US-Ökonomen Herman Daly.

Grenzen haben in liberalen Kreisen keinen guten Ruf – sie stehen im Verdacht, das Gegenteil von Freiheit zu sein. Aber das hängt vom Freiheitsbegriff ab. Wer Freiheit anarchistisch interpretiert, kommt natürlich zu diesem Schluss. Für mich ist Freiheit der Raum, der bleibt, wenn das Wichtigste geregelt ist. Das ist der Freiheitsbegriff des Ordoliberalismus – es geht um das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Freiheit. Grenzen können somit Freiheiten schaffen, nämlich neue und bessere Handlungsalternativen (Karl Homann). Dazu müssen diese Grenzen kluge Grenzen sein. Klug sind Grenzen, wenn sie normativ sparsam sind (also rein sachbezogen und nicht willkürlich), auf der obersten Ebene der Verfasstheit angesiedelt sind (also grundsätzlich gelten und nicht aufgeweicht werden können), den ökonomischen Kern des Problems direkt angehen (anstatt beispielsweise indirekte „Anreize“ zu geben) und schließlich per Saldo mehr Freiheiten schaffen als sie nehmen. Sie ermöglichen Makrostabilität mit Raum für Mikrovariabilität (Daly 1973). Ein liberales System bedeutet wenige kluge Grenzen. Innerhalb solcher Grenzen wären viele Regulierungen, Ge- und Verbote einfach überflüssig, weil Exzesse systemisch ausgebremst würden. Lobbyismus würde viel von seiner Wirkmacht verlieren. Preise könnten ohne zentrale Ordnungsmacht die „ökologische Wahrheit“ sagen, und viel mehr Menschen als bisher könnten wieder wirtschaftlich eigenständig tätig werden: regional, landwirtschaftlich, handwerklich, sozial. Der technische Fortschritt müsste sich unter Ressourcenbegrenzung erstmals einer wirklichen Kosten-Nutzen-Rechnung stellen – und würde diese Prüfung in vielen Bereichen nicht bestehen. Geld, dieser „Gipfel der menschlichen Toleranz“ (Yuval Hariri 2011), könnte seine Rolle als genial einfaches Kommunikationsmedium spielen. Der Zins, dessen Selbstverständlichkeit heute nur die Selbstverständlichkeit der Wachstumserwartung widerspiegelt, würde auf seinen ökonomischen Sinn als Risikoausgleich und Aufwandsentschädigung zurückgeführt und gäbe uns wieder die Chance, Investitionen sinnvoll zu bewerten. Konkurrenz und Kooperation würden ausgewogen nebeneinander existieren und dafür sorgen, dass die Wirtschaftsteilnehmer partnerschaftlich miteinander umgehen können, ohne sich auf Kosten anderer zurücklehnen zu dürfen.

Es ist – ganz im Sinne Kant’scher Auto-nomie – ein Modell der Selbstbegrenzung, mit welchem wir unser Selbstübertölpelungspotential effektiv in den Griff bekommen können. Effizienz und Nachhaltigkeit sind komplementäre Ziele und stellen ein Optimierungsproblem dar: Die Wirtschaft der Moderne ist zu effizient geworden. Erst der Abschied von der „unendlich großen Versuchung“ Ressourcenverbrauch wird Gerechtigkeit möglich machen, denn solange dieses scheinbar unerschöpfliche Angebot unsere schlechtesten, egoistischen und egomanen Eigenschaften immer wieder neu beflügelt, werden zentrale Widersprüche menschlicher Existenz kaum überwunden oder gemildert werden können.

Man kann nun einwenden, dass sich der Kapitalismus nie in dieser Weise begrenzen lassen wird. Dann muss man aber auch erklären, warum andere, weitaus utopischere, kompliziertere und willkürlichere Modelle höhere Erfolgschancen haben sollen. Marktwirtschaft ist meines Erachtens die realistischste aller unrealistischen Ideen. Aber vielleicht ist „der Mensch“ ja nicht nur für den Sozialismus, sondern auch für die Marktwirtschaft zu schlecht ...