ANDREAS SIEMONEIT

Forschungsarbeit

Nach vielen Jahren betriebswirtschaftlicher Berufserfahrung in der Wirtschaftsinformatik, wo sich ohnehin alles um die Effizienz von Unternehmen dreht, nahm ich eine zunehmende Produktivitätssteigerung auch bei Konsumenten wahr, die sich unter anderem in einer umfassenden Beschleunigung des Privatlebens äußert. Die Nutzung von Geräten wie Auto, Computer, Smartphone sowie die Inanspruchnahme der damit verbundenen Dienstleistungen können zu einem ökonomischen Wachstumszwang aufgrund von positiven Feedback-Schleifen zur Anbieterseite führen. Dies veranlasste mich zu der Vermutung, dass die Gesellschaft sich insgesamt in einer „Effizienzsteigerungs-Spirale“ gefangen halten könnte: Effizienz als Angebot, das man – bei Strafe des ökonomischen Rauswurfs – nicht ablehnen kann.

Im Jahr 2011 reduzierte ich meine Arbeitszeit und begann ein „privates Drittstudium“. Der Fokus liegt auf Ökonomik, Soziologie und Moralphilosophie, aber gleichzeitig versuche ich, Grundlagenwissen in vielen weiteren Disziplinen der Sozial- und Naturwissenschaften zu erwerben. Mein Hauptinteresse liegt darin, zu erkunden und zu beschreiben, wie der ökonomische und der politische Prozess tief verwurzelt sind in unseren moralischen Intuitionen – ein derzeit ziemlich spannendes Feld der Sozialpsychologie.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Mit Oliver Richters arbeite ich seit dem Frühjahr 2014 in der Arbeitsgruppe „Wachstumszwang“ der VÖÖ zusammen. Ursprünglich wollten wir „einfach“ einen Review-Artikel zum Thema „Welche Theorien kursieren zum Thema Wachstumszwang?“ schreiben. Daraus sind drei Artikel und ein Sammelband-Beitrag geworden. Mal sehen, was noch kommt ...

Juni 2017 Richters, Oliver; Siemoneit, Andreas: Consistency and Stability Analysis of Models of a Monetary Growth Imperative.
Ecological Economics, Volume 136, June 2017, pp. 114–125 (vorab veröffentlicht als VÖÖ Discussion Paper 1. Heidelberg: Vereinigung für Ökologische Ökonomie).
Dieser Artikel ist die Analyse zweier Argumentationslinien, dass im Geldsystem an sich ein systemischer Wachstumszwang begründet liege: Verdächtigt werden zum einen zinstragendes Kreditgeld, zum anderen das Horten von Gewinnen durch die Geschäftsbanken (diese Idee wird insbesondere vertreten von den beiden Schweizer Ökonomen Hans-Christoph Binswanger und seinem Sohn Mathias Binswanger).
Beide Argumentationslinien sind aus unserer Sicht unplausibel und daher zurückzuweisen. Es gibt im Geldsystem keinen systemischen Wachstumszwang.
März 2017 Richters, Oliver; Siemoneit, Andreas: Fear of Stagnation? A review on growth imperatives. VÖÖ Discussion Paper 6. Heidelberg: Vereinigung für Ökologische Ökonomie.
Under review bei Ecological Economics als Teil 2 eines Übersichtsartikels (survey article).
Dieser Artikel baut auf den beiden anderen auf und rundet unsere Analyse ab: Wir gehen durch die „klassischen“ und neuen Theorien, warum die Ökonomie einem Wachstumszwang unterliege: Geld, Wettbewerb und Gewinnorientierung, Technischer Fortschritt, staatliche Wachstumspolitik und sozio-kulturelle Mechanismen (wobei wir bei Geld und sozio-kulturellen Mechanismen auf unsere anderen Artikel verweisen). Unser Ergebnis ist eindeutig: Nur der sogenannte Technische Fortschritt, der recht einseitig menschliche Arbeit durch maschinellen Ressourcenverbrauch ersetzt, hat das Potential, eine auf Marktwirtschaft basierende Gesellschaft „in den Wahnsinn zu treiben“. Die vordergründig treibende Kraft ist eine staatliche Wachstumspolitik, die jedoch vor allem auf die durch Prozessinnovationen verursachte „technologische Arbeitslosigkeit“ reagiert, welche durch neue Produktinnovationen nicht verlässlich kompensiert wird. Akkumulation, Ungleichheit und Kreditgeld (Finanzierung ohne vorhergehendes Sparen) verstärken das Problem durch verschiedene Effekte. Es ist also nicht so, dass nur ein Mechanismus „verantwortlich“ ist, aber wir betrachten Technischen Fortschritt (bzw. den entsprechenden Ressourcenverbrauch) durchaus als obersten Punkt in einer „Hierarchie der Ursachen“.
Ein Ausweg aus dem Dilemma könnten institutionelle Verbrauchsbegrenzungen (Cap & Trade) und die Begrenzung von Akkumulation (Reichtum, Konzerne) sein. Die Überwindung von Marktwirtschaft ist dafür nicht erforderlich.
Januar 2017 Richters, Oliver; Siemoneit, Andreas: How imperative are the Joneses? Economic Growth between Desire and Social Coercion. VÖÖ Discussion Paper 4. Heidelberg: Vereinigung für Ökologische Ökonomie.
Under review bei Ecological Economics als Teil 1 eines Übersichtsartikels (survey article).
Dieser Artikel liefert zunächst sehr ausführlich begründete Definitionen der Schlüsselbegriffe „sozialer Zwang“ und „Wachstumszwang“. Insbesondere letzterer ist bislang nur auf der Makroebene oder ansonsten eher umgangssprachlich definiert. Ausgehend von dieser Definition untersuchen wir dann verschiedene in der Literatur aufgestellte Hypothesen, dass Nachfrager (Konsumenten) oder Anbieter (Produzenten) aufgrund sozio-kultureller Mechanismen einem Wachstumszwang unterliegen würden (Stichwort „Wachstumsparadigma in den Köpfen“). Wir zeigen, dass diese Hypothesen einerseits nicht tragfähig sind: Entweder verweisen sie letztlich auf ökonomischen Druck (wozu auch Wettbewerbsvorteile durch sogenannte Innovationen gehören), oder sie erfüllen nicht unsere Anforderungen an einen Wachstumszwang. Andererseits führen wir den Begriff der „Angebote, die man nicht ablehnen kann“ ein. Hierunter fallen vor allem zwei Dinge: Alle Bestrebungen, weit oben auf der sozialen Leiter zu stehen (weil das unmittelbar auch zu materiellen Vorteilen führt), und das Phänomen des Effizienzkonsums (s. u.). Sowohl Zwangsmechanismen als auch attraktive Angebote führen zu ähnlichen gesellschaftlichen Dynamiken, so dass eine strikte Trennung zwischen „Streben“ und „Zwang“ analytisch nicht sinnvoll erscheint.
Januar 2017 Siemoneit, Andreas: Effizienzkonsum – Produktivitätssteigerung als Beschreibungsrahmen bestimmter Konsum-Entscheidungen. VÖÖ Discussion Paper 3. Heidelberg: Vereinigung für Ökologische Ökonomie.
Die These des Effizienzkonsums habe ich bereits vor langer Zeit aufgestellt (siehe beispielsweise mein Beitrag im Blog Postwachstum), aber die Entstehung des Diskussionspapiers ist so eng mit der Zusammenarbeit mit Oliver Richters verknüpft, dass es richtiger in den Ergebnissen der Arbeitsgruppe aufgeführt wird.
Diskutiert wird folgende These: Unternehmen und Konsumenten kaufen beide zahlreiche Güter, die sie effizienter machen. Dies erzeugt positive Rückkopplungen, die man als Wachstumszwang interpretieren kann. Für Unternehmen wird Effizienzsteigerung seit langem als Investitionsmotiv akzeptiert, aber weder Mikroökonomik noch Konsumsoziologie diskutieren sie auch nur als Konsummotiv – für Konsumenten wird Effizienz in der Regel gerahmt als Bequemlichkeit, Schnelligkeit oder Einfachheit („schnell und bequem online shoppen“).

Wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Vorträge

Januar 2018

Veranstaltungsreihe „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“ der Studierendeninitiative „Kritische WirtschaftswissenschaftlerInnen Berlin“ an der FU Berlin
Vortrag und Diskussion „Marktwirtschaft – Über die Möglichkeiten einer hinreißenden sozialen Utopie“

Oktober 2016

20 Years-Anniversary Conference „Towards Pluralism in Macroeconomics?“ of the FMM Research Network in Berlin
Session „Ecological Macroeconomics and the Growth Question“
Input „Why can't we stop? A critical review on growth imperatives and growth drivers“

Oktober 2016

Jahrestagung 2016 „Nachhaltige Ressourcennutzung im Spannungsfeld von Wachstumskritik und Commons-Diskurs“ der Vereinigung für Ökologische Ökonomie auf dem Umweltcampus Birkenfeld der FH Trier
Plenar-Vortrag „Die Rolle von Ressourcennutzung für den Wachstumszwang“ (zusammen mit Oliver Richters)

Januar 2016

6. Netzwerktreffen der Zivilen Enquête „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ in Berlin
Vortrag „Warum können wir nicht aufhören? Zum Stand der Debatte um die Wachstumszwänge“

Januar 2016

Veranstaltungsreihe „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“ im Fachbereich VWL der FU Berlin
Vortrag und Diskussion „Postwachstumsökonomie: Warum – und vor allem: Wie???“

Oktober 2015

Jahrestagung 2015 „Wege in die Postwachstumsökonomie“ der Vereinigung für Ökologische Ökonomie in Oldenburg
Session-Vortrag „Effizienzkonsum als 'Missing Link' einer gesellschaftlichen Wettbewerbs-Spirale“

Oktober 2013

European Center for Sustainability Research (Prof. Dr. Dr. Manfred Moldaschl) der Zeppelin Universität, Friedrichshafen
Vortrag und Diskussion „Auf dem Weg zu einer Politischen Theorie der Nachhaltigkeit“