ANDREAS SIEMONEIT

Gedankenblöcke

Eine konstant wiederkehrende Erfahrung in meiner Forschungsarbeit und bei meinen Verbreitungsversuchen ist Unverständnis, Skepsis, Widerstand. Insofern ist alles wichtig, was einem besseren Verständnis dienen kann, und manchmal sind eher spontan geschriebene Texte dafür besser geeignet. Hier auf dieser Seite habe ich „Gedankenblöcke“ abgelegt, welche bestimmte Aspekte erläutern, die (bisher) keinen besseren Ort gefunden haben, insbesondere auch nicht ins relativ knappe Manifesto passen.

Oktober 2017

Aus einer E-Mail an Mitglieder des ZOE – Institut für zukunftsfähige Ökonomien, aus Anlass meiner Bewerbung als Assoziierter an diesem Institut (siehe unten). ZOE ist dem Netzwerk Plurale Ökonomik verbunden, und die Befürwortung eines Theorien-Pluralismus ist Teil seiner wissenschaftlichen DNA. Insofern führte die Bewerbung eines erklärten „Theorie-Monisten“ zu kritischen Rückfragen. Meine Antwort darauf:

Ich nehme wahr, dass in der Debatte mehrere Pluralismus-Konzeptionen parallel verwendet (und vermischt) werden und skizziere hier mal, wie ich diese Konzeptionen wahrnehme und einordne (auf die Gefahr, dass ich dabei bereits Missverständnissen unterliege, weise ich ausdrücklich hin – Korrekturen erwünscht):

  1. Theorien-Pluralismus im erkenntnistheoretischen Sinne
    „Gesellschaft stellt ein komplexes Zusammenspiel von individuellen Handlungen und strukturellen Gegebenheiten dar, die sich wechselseitig bedingen und reproduzieren oder wandeln. Es ist wissenschaftlich vermessen, dieses komplexe System mit nur einem Theorieansatz beschreiben zu wollen, weil jeder Ansatz immer auch eine Reduktion auf einen Satz Grundannahmen darstellt. Daher stellt jede Theorie eine Perspektive dar, und eine Perspektive kann nicht falsch, sondern bestenfalls ungünstig sein.“
    Ich verstehe (und wertschätze, siehe Punkt 3) diesen Ansatz, halte ihn aber epistemologisch für falsch (wenn auch als Teil des Suchprozesses hilfreich, siehe Punkt 2). Für mich haben sozialwissenschaftliche Theorien nicht allein schon deshalb einen anderen epistemologischen Status als naturwissenschaftliche Theorien, weil menschliches Verhalten bunt und schwierig zu erklären ist. Ich bin überzeugt davon, dass man Verhalten tatsächlich nicht nur verstehen, sondern auch erklären kann (vgl. die Verstehen-Erklären-Kontroverse). Eigentlich ist soziales Verhalten dort, wo es politisch relevant ist (!), nicht besonders bunt, sondern folgt ziemlich einfachen Regeln (hier folge ich der Soziobiologie und der neoklassischen Ökonomik). Insofern glaube ich fest an die Möglichkeit, eine Sozialtheorie zu entwickeln, die aus EINER Perspektive heraus die wesentlichen Aspekte gesellschaftlich relevanten Verhaltens im wesentlichen erklärt. Ein Pareto-Ansatz, wenn Du so willst: Mit 20 % Theorie 80 % Verhalten erklären. Auf (historische) Einzelfälle bezogen, kann ein Theorien-Pluralismus im Sinne von Perspektiven sinnvoll sein, aber eine Theorie muss nicht alle Einzelfälle erklären: Sie soll die Regelmäßigkeiten (Muster) plausibel machen, gewissermaßen den Schwerpunkt der Verteilung.
  2. Theorien-Pluralismus als Teil eines wissenschaftlichen Suchprozesses
    „In der Ökonomik hat sich die Neoklassik als Monokultur breitgemacht und marginalisiert recht selbstgefällig andere Ansätze. Das ist um so unverständlicher, als dass ihr mittlerweile viele schwere konzeptionelle Fehler nachgewiesen wurden, sie viele ökonomische Phänomene nur unzureichend erklären kann und andere Ansätze ihre Produktivität unter Beweis gestellt haben. Es ist daher unbedingt erforderlich, die neoklassische Einseitigkeit aufzubrechen und andere theoretische Ansätze in der Ökonomik zu fördern.“
    Kann ich 1:1 unterschreiben. Solange wir keine gute Theorie haben (siehe erster Punkt), müssen wir weitersuchen, und ideologische Scheuklappen sind dabei nur hinderlich (wobei ich auch viele ideologische Festlegungen bei den Kritiker_innen der Neoklassik sehe). Daraus aber ein epistemologisches Konzept zu machen, halte ich für falsch (und betrachte es eher als empörte Gegenreaktion auf die Bräsigkeit der Neoklassik). Für mich ist die Neoklassik (wie auch das Konzept der Marktwirtschaft) eher eine soziale Utopie, die es zu realisieren gilt, als eine gute theoretische Beschreibung des Kapitalismus. Es ist meines Erachtens der Fehler „alternativer Ansätze“ (Post-Keynesianismus, Marxismus etc.), zu reklamieren, den Kapitalismus besser beschreiben zu können. Wir brauchen keine besseren Beschreibungen des Kapitalismus, sondern eine Politik, die ihn überwindet. Dafür ist es erforderlich, die Utopien Neoklassik und Marktwirtschaft auszuleuchten, auf welchen universellen Gerechtigkeitsprinzipien (Reziprozität) sie beruhen, und daraus neue soziale Institutionen abzuleiten.
  3. Theorien-Pluralismus als Debattenkultur
    „Wer eine lebhafte Theoriedebatte haben möchte, darf den Kreis der Diskutand_innen nicht von vornherein beschränken, sondern muss ihn für möglichst viele öffnen. Jeder Beitrag ist wertvoll, weil jede_r eine andere Perspektive beisteuern kann. Deshalb sind diskursive Hierarchien abzubauen.“
    Zwiespältig. Diese Haltung ist einerseits sozial sinnvoll (und darauf bezog sich auch die „sinnvolle soziale Funktion“ in meiner Bewerbung sowie die Wertschätzung oben), weil man unterm Strich schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, welche glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und einen Alleinvertretungsanspruch reklamieren. Arroganz ist keine gute wissenschaftliche Haltung.
    Es gibt allerdings zwei Caveats:
    1. Ein Alleinvertretungsanspruch ist nicht per se abzulehnen. Wenn man (wie ich) davon ausgeht, dass jede Theorie auf Konsistenz abzielt (siehe erster Punkt), landet man am Ende ohnehin dort. Es ist furchtbar einfach, solchen Menschen Arroganz vorzuwerfen. Einem Erklärungsanspruch kann man immer Arroganz vorwerfen. Aber die Richtigkeit oder Falschheit einer sozialwissenschaftlichen Theorie hängt nicht von ihrem Zustimmungsgrad ab. Sie ist entweder falsch oder richtig. Das ist eine empirisch zu beantwortende Frage (wobei sich die Antwort möglicherweise erst nach 150 Jahren ergibt).
    2. Es gibt nachweislich Cranks, Bedenkenträger (VÖÖ ...) und (junge) Menschen, die noch am Anfang ihres wissenschaftlichen Suchprozesses stehen, mitunter ein Faible für extreme Positionen haben (eindrückliche Erfahrungen meinerseits bei der Plural@-Klausur 2015 im Dürerhof). Solche Menschen können die Arbeit anderer, die sich auf den wissenschaftlichen Suchweg begeben haben, substantiell behindern. Insofern ist es meines Erachtens nicht nur vertretbar, sondern unabdingbar, Kreise zu beschränken – schöner, wenn das nicht durch offene Ausladungen erfolgen muss, sondern eher durch Nicht-Einladung. Man muss nicht mit allen zusammenarbeiten, sondern nur mit jenen, die produktiv sind. Manchmal aber ist ein hartes, offenes Wort unvermeidbar, wenn elementare wissenschaftliche Standards verletzt werden (Oli weiß, an wen ich denke).

Tatsächlich habe ich erst kürzlich bei Marvin Harris (US-amerikanischer Kulturanthropologe, 1927-2001) die bislang klarste Ausformulierung von Punkt 1 gefunden und seine Anwendung auf die Kulturanthropologie (Cultural Materialism). Harris ist meines Erachtens ein exzellenter Wissenschaftstheoretiker. Er ist in seiner Zunft als arrogant verschrien ...

Ich hoffe, dass dies Eure Fragen beantwortet. Und meine Theoriearbeit wird damit auch noch einmal deutlicher: Ich beackere nicht nur Punkt 1, sondern versuche gleichzeitig, mit Hilfe der modernen Sozialpsychologie (Jonathan Haidt, Gerd Gigerenzer) herauszuarbeiten, auf welchen Selbstbindungen (Haltungen, Moralvorstellungen) Punkt 2 und Punkt 3 beruhen – Selbstbindungen, die nachvollziehbar sind, aber nicht immer funktional.

Oktober 2017

In meiner Bewerbung als assoziiertes Mitglied von ZOE – Institut für zukunftsfähige Ökonomien gab es eine relativ knappe und vielleicht besser zugängliche Zusammenfassung meines privaten Forschungsprojektes:

Mein Fernziel ist es, eine einigermaßen umfassende (eher breite als tiefe) Anthropologie des ökonomischen und politischen Prozesses zu entwickeln. Dieses Projekt beinhaltet einerseits ein Erklärungsmodell, warum Menschen Ökonomie so organisieren, wie sie sie organisieren, und andererseits ein Erklärungsmodell, warum der Prozess der politischen und sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung (der sich prominent um ökonomische Fragen dreht) seine charakteristischen Formen annimmt.

Ökonomie
Ich gehe davon aus, dass es kulturinvariant evolvierte menschliche Eigenschaften gibt, welche den Rahmen einer gerechten Gesellschaft ziemlich eng abstecken, insbesondere Reziprozität und damit das sogenannte Leistungsprinzip (welches keine „Erfindung“ der Moderne ist). Die Annahme einer umfassenden gesellschaftlichen Gestaltbarkeit der ökonomischen Beziehungen ist meines Erachtens nicht haltbar. Das, was wir „Gerechtigkeitsempfinden“ nennen, lässt nicht sehr viel Gestaltungsspielraum zu, und Aufgabe ist es, diesen Gestaltungsspielraum präzise zu bestimmen und sachlich zu begründen. Dabei greife ich auf sorgfältig ausgewählte naturalistische Begründungen zurück.

Politik
Zum Bereich der politischen Auseinandersetzung zähle ich auch die Sozialwissenschaften: Fraktionenbildung und „unüberbrückbare Gegensätze“ sind kein Monopol von Politik im engeren Sinne, und meine These ist, dass die bekannten Grabenkämpfe der Sozialwissenschaften (Schulenbildung) ebenso wie ihre politischen Pendants letztlich moralisch begründet sind. Weil sich beide Felder jedoch einem rationalen Diskurs verpflichtet sehen, verbirgt sich diese moralische Grundierung buchstäblich hinter umfänglichen Rationalisierungen. Der Begriff der „Rationalität“ selbst ist hochpolitisch: Wer die Deutungshoheit darüber hat, was als „rational“ gilt, hat einen mächtigen Pflock eingeschlagen.

Analyse
Dahinter stehen meines Erachtens unterschiedliche Gesellschaftsmodelle, welche sich an ihren beiden Polen wie folgt charakterisieren lassen:

  • Ein „moralistisches“ Gesellschaftsmodell, welches sich historisch aus der menschlichen Evolution in kleinen Gruppen speist: Gesellschaften werden vor allem durch „gemeinsame Werte“ zusammengehalten. Moralische Interventionen sind vor allem persönlich. Sie sind an Einzelne gerichtete Akte von Lob und Missbilligung, wozu auch Kulturkritik gehört („unrichtige“ Wertesysteme, „schlechte“ Zustände und „falsches“ Verhalten).
    Aufgrund der tiefen Verankerung von moralischen Intuitionen in unserem genetischen System ist dies so etwas wie der „Default-Zustand des Menschen“ und bislang absolut prägend vor allem für den politischen Prozess, der formal rational, tatsächlich aber vor allem „bauchgesteuert“ ist.
  • Ein „institutionalistisches“ Gesellschaftsmodell, welches noch recht jung ist und auf die Entwicklung einer anonymen (Welt-)Gesellschaft reagiert, in welcher ethisch vertretbare Interaktionsformen entwickelt werden müssen, die unpersönlich sind (und damit nicht mehr „moralisch“ im klassischen Sinne). Diese „Institutionen“ funktionieren am besten, wenn sie auf wenigen, möglichst unstrittigen und rein sachbezogenen („objektiven“) Prämissen basieren. Der klassische Liberalismus war ein wichtiger Stichwortgeber für diese Entwicklung.
    Dank der Objektivierung des ökonomischen Prozesses durch die soziale Innovation Geld sind formale Institutionen dort bereits relativ verbreitet. Viele dieser Institutionen sind noch recht unvollkommen organisiert (Geld, Märkte, Steuersystem, Sozialversicherung, ...) und bedürfen der Verbesserung, deuten aber vielversprechende Entwicklungspfade an. Manche dieser Institutionen sind kontraintuitiv und daher umstritten.

Die vielen Anführungsstriche weisen bereits darauf hin, dass es vor allem ein Streit um Begriffe ist. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Begriffe sorgfältig zu definieren, ihre „eigentliche“ (individuell wie gesellschaftlich funktionale) Grundlage sozialwissenschaftlich zu rekonstruieren und sie konsistent zueinander in Beziehung zu setzen. Da Begriffe seit jeher vor allem auch strategisch eingesetzt werden (Argumentationstheorie), ist dies eine Aufgabe von geradezu herkulischem Umfang – von daher auch die Notwendigkeit, ein sozialwissenschaftlicher Generalist zu sein (bzw. zu werden).

Auch hier lohnt sich der Schritt auf die Meta-Ebene: Warum sind naturalistische und ökonomische Begründungen von Verhalten eigentlich so umstritten (Argumentationspole „Natur ~ Kultur“ sowie „System ~ Individuum“)? Welche sinnvolle soziale Funktion erfüllt die wissenschaftlich wenig zielführende Forderung nach „Theorien-Pluralismus“? Was steckt hinter der über einhundert Jahre alten „Erklären-Verstehen-Kontroverse“ in den Sozialwissenschaften?

April 2017

Aus der E-Mail an einen Menschen, der an der öffentlichen Debatte verzweifelt:

Ich würde an dieser Stelle noch etwas anderes ergänzen wollen: Die Auseinandersetzungen über die ökonomische Theorie, das Geldsystem, das BIP etc. gibt es schon seit langem. Man kann an diesen endlosen Debatten verzweifeln, wenn man sieht, wie parallel dazu alles immer mehr den Bach hinuntergeht (und das höre ich auch bei Ihnen heraus: „mir ist nicht verständlich ...“ – geht mir ja genauso). An dieser Stelle sind forschungsstrategisch (wenigstens) zwei Fragestellungen möglich:

  • Oliver und ich suchen nach einem WachstumsZWANG, der „kontraintuitiv“ ist und deshalb unauffällig. Geld und Zins, Konkurrenz, Geltungskonsum etc. sind alle schon breit diskutiert – eben WEIL sie auffällig sind. Wenn diese Diskussionen nichts gebracht haben, dann sind es möglicherweise die falschen Verdächtigen. Das hat zu unseren Artikeln geführt. Wir haben einen ökonomischen Zwang identifiziert, der uns Menschen sehr unauffällig „an einer schwachen Stelle“ packt, nämlich unserer einseitig positiven Bejahung von Fortschritt (alternativ: nicht so positiv bejaht, aber als unvermeidlich angesehen).
  • Ich fahre parallel noch eine andere Schiene: Wenn diese Auseinandersetzungen so fruchtlos sind, dann müssen wir herausbekommen, warum sie eigentlich in der Form geführt werden, in der sie geführt werden. Ich gehe sozusagen auf die Metaebene. Menschen verschwenden eigentlich ungern ihre Zeit. Wenn sie endlos über das Immergleiche debattieren und dabei nicht weiterkommen, dann ist das sozialwissenschaftlich ein „Forschungssignal“ ersten Ranges, und zwar nicht nur aus einer rein theoretischen Perspektive, sondern um herauszubekommen, wie man die Debatten anders gestalten könnte. Meine These ist, dass es die gleiche „Ursache“ haben könnte wie das, was Oliver und ich herausgefunden haben: Unsere Intuitionen spielen uns auch hier einen Streich. Es ist kein Zufall, dass so viel Kulturkritik unterwegs ist (äußern Sie und Rosa ja auch).
Intuitionen sind meines Erachtens der Schlüssel zum Beantworten beider Forschungsfragen.

März 2017

Zu meinem Blogeintrag Die theoretische Einseitigkeit der Wachstumskritik hat es einen Kommentar gegeben, auf den ich noch mal geantwortet habe. Hier die deutsche Übersetzung dieser Antwort. Mit „Autoren“ meine ich die verschiedenen Theoretiker (beider Seiten), die ich in meinem Blogbeitrag erwähnt habe:

Ich bin davon überzeugt, dass all diese Autoren, egal ob sie wachstumskritisch oder neoklassisch oder was auch immer sind, gute Punkte ansprechen. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass sich all diese Leute nur graduell uneinig sind, nicht fundamental (auch wenn es oft danach aussieht). Mit einer „aristotelischen“ Sicht würde ich behaupten, dass sie alle nach dem „rechten Maß zwischen den Extremen“ suchen. Sicherlich überreagieren einige auf kapitalistische oder kommunistische Exzesse, aber alles in allem suchen sie nach Wahrheit und so etwas wie einer gerechten Welt (Leute wie Carl Schmitt vielleicht mal außen vor gelassen).

Ich versuche nun, diese verschiedenen Perspektiven in EIN kohärentes Bild zu verdichten. Das bedeutet nicht, einzelne passende Gedanken wie Rosinen aus ihrem Kontext herauszupicken, sondern den jeweiligen Ansatz zu würdigen und seine grundlegenden Ideen korrekt herauszuarbeiten. Die meisten dieser Autoren machen irgendwo Fehler, aber oft sind diese Fehler „sozial intelligent“. Auf der Grundlage der zusammenfassenden Arbeiten von Jonathan Haidt und Gerd Gigerenzer zu Intuitionen versuche ich gewissermaßen, die sozialen Intuitionen hinter Kapitalismus, Kommunismus und all den anderen -ismen zu verstehen. Soziobiologie ist wertvoll, weil wir unsere biologischen Wurzeln nicht einfach abschütteln können. Rational-Choice ist wertvoll, weil Menschen mehr oder weniger ökonomische Rationalisten sind. Aber wenn es politisch wird, dann sind Menschen viel eher soziale Konstruktivisten, und die meisten hitzigen wissenschaftlichen Debatten drehen sich tatsächlich um Moral. Rationalität, Nutzen, Eliten, Macht usw. sind moralische Begriffe: Es geht nicht nur darum, was Rationalität ist, sondern auch darum, was als guter Grund gelten soll. Es geht nicht nur darum, was Macht ist, sondern auch darum, wer sie ausüben soll. Aber der Streit um all dies wird (zwangsläufig!) als rationale Debatte geführt, was die Regalmeter an wissenschaftlicher Literatur erklärt.

Was die Wachstumskritik angeht, so sind die meisten ihrer Aktivisten ökonomische Konstruktivisten, und sie machen den grundlegenden Fehler, völlig zu vernachlässigen, dass die Ökonomie mehr oder weniger rational abläuft (von ein paar kleinen Irrationalitäten einmal abgesehen).